Ein Interview mit Herman Rutgers

  • 10. Mai 2020

Wie die Fitnessbranche sich verändern wird

Herman Rutgers ist Mitbegründer von EuropeActive und FIBO Botschafter. Er hat 45 Jahre Erfahrung in der Führung von internationalen Unternehmen, ganze 25 Jahre davon war er in der globalen Fitnessbranche tätig, sowohl auf der Hersteller- als auch auf der Betreiberseite.

FIBO: Die meisten europäischen Länder befinden sich noch im Lockdown, aber einige fangen bereits mit Lockerungen an. Warum könnte der Ausstieg aus dem Lockdown für die Fitnessbranche schwieriger werden als der Einstieg?

Die Schließung der Fitnessstudios erfolgte nach Anweisung der Behörden kurzfristig und musste innerhalb von 24 Stunden umgesetzt werden. Bei der Öffnung wird dies anders. Angesichts der Komplexität des Themas müssen die europäischen Behörden nun detaillierte Pläne entwickeln, um ihre Wirtschaft wieder hochzufahren und den Lebensunterhalt der Menschen zu sichern, lange bevor sie die Beschränkungen des Lockdowns lockern.

EuropeActive stellt eine Reihe an Informationen zur Verfügung, die die Betreiber und nationalen Verbände in diesen schwierigen Zeiten unterstützen und ihnen aus gesamteuropäischer Sicht mit Ratschlägen zur Wiedereröffnung und zu ihren politischen Handlungen zur Seite stehen. Dies geschieht zum Beispiel durch den Austausch von Best Practices oder durch wöchentliche Webinare, in denen wir den Betreibern mit wertvollen Ratschlägen weiterhelfen. Die Wiedereröffnung der Fitnessstudios sollte nicht zu voreilig erfolgen. Sie sollte gut durchdacht sein. Ein striktes Protokoll zur genauen Durchführung wird notwendig sein.

FIBO: Was müssen die Studios im Hinblick auf ihren Businessplan berücksichtigen, wenn sie wieder öffnen?

Wenn wir wieder öffnen, müssen wir uns klarmachen, dass wir uns in einer starken Rezession befinden und viele Unternehmen in absehbarer Zukunft im Krisen-Modus sein werden. Sie werden den Fokus weniger auf das Wachstum per se legen können, als mehr darauf, das Business zu stabilisieren, wieder profitables Wachstum zu erzielen, mit konservativen Bilanzen zu arbeiten und den Cashflow zu verbessern. Außerdem werden Unternehmen größere Reserven für uneinbringliche Forderungen zurücklegen müssen und mehr auf die Kosten achten müssen. Das Verhältnis zwischen fixen und variablen Kosten wird kritischer sein.

FIBO: Müssen Geschäftsmodelle neu überdacht werden?

Geschäftsmodelle für 2020 und darüber hinaus müssen revidiert werden und es müssen sowohl kurz- als auch langfristige strategische Überprüfungen stattfinden. Manche Betreiber haben die Krise wirklich gut gehändelt und sogar an Sympathie und Markentreue gewonnen; andere hingegen haben sie verloren. Die größte Auswirkung ist jedoch, dass die Digitalisierung dadurch beschleunigt wurde und in Zukunft eine größere Rolle spielen wird.

FIBO: Wie könnte die Einhaltung von Hygienevorschriften aussehen?

Die Maßnahmen, die wir jetzt schon ausführen, wie die Vermeidung von physischem Kontakt, wie zum Beispiel Händeschütteln, das Tragen von Masken, Reinigen von Oberflächen, mit denen wir in Berührung kommen etc. werden sich auch weiterhin in unserem Alltag manifestieren. Durch die häufigere Reinigung und den Einsatz von Desinfektionsmitteln müssen sich die Betreiber auf höhere Reinigungs- und Hygienekosten einstellen. Die Fitnessgeräte müssen neu angeordnet werden, um den Mindestabstand zu gewährleisten und das Personal muss im Hinblick auf die neuen Hygienemaßnahmen geschult werden. In Phase 1 der Eröffnung werden wahrscheinlich auch die Duschen und Umkleideräume geschlossen bleiben müssen und die Kapazitäten der Räume müssen eingeschränkt werden, sodass sich nicht zu viele Mitglieder auf engem Raum befinden. Eine Online-Buchung der Mitglieder könnte dabei helfen.

FIBO: Wie wird sich der Lockdown auf die Mitglieder auswirken?

Das ist die große Frage… Wird der Kunde das Vertrauen und die Zuversicht aufbringen, mit anderen Personen in einen geschlossenen Raum zu gehen, um sich dort sportlich zu betätigen und gemeinsam zu schwitzen? Wird der Kunde zu seiner ursprünglichen Fitnessroutine zurückkehren? Zumindest zeigen jüngste Forschungen zum Verhalten von Verbrauchern in den USA und in China, dass wir in dieser Hinsicht hoffnungsvoll sein können.

Viele Mitglieder von Fitnessstudios haben wahrscheinlich zum ersten Mal Home-Workouts ausprobiert und vielleicht haben einige von ihnen Gefallen daran gefunden und werden auch in Zukunft bei Online-Fitnesskursen bleiben. Ein positiver Effekt zeigt sich in der intensiven Nutzung von Fitness-Apps. Viele Verbraucher haben die verschiedenen Online-Trainingsmöglichkeiten und die zusätzlichen Funktionen wie Ernährungs-und Entspannungsberatung entdeckt. Es ist aber auch zu erwarten, dass die Verbraucher preisbewusster werden. Die Krise schlägt sich also nicht nur negativ nieder, sie ist auch eine große Chance für die gesamte Fitnessindustrie. Die Menschen haben ein besseres Bewusstsein dafür einwickelt, welchen Nutzen Fitness bringt und werden auch die sozialen Aspekte des Sektors mehr wertschätzen. Ich bin sicher, dass Fitness in Zukunft sogar noch mehr Befürworter und mehr Fans bekommt.

FIBO: Wie wird die Fitnessbranche nach Corona aussehen?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich an die berühmten Worte von Charles Darwin erinnern: „Nicht die stärkste oder intelligenteste aller Arten überlebt, sondern diejenige, die am anpassungsfähigsten an Veränderungen ist”….

Wie in jeder großen Krise wird es Gewinner und Verlierer geben, leider werden einige Unternehmen nicht überleben, während andere sich sehr gut an die neuen Gegebenheiten anpassen können und womöglich sogar stärker aus der Krise herausgehen!
Die Zukunft unserer Branche nach Corona ist vom heutigen Standpunkt aus nur schwer vorherzusagen, aber sicherlich wird sie nicht nur schwarz oder weiß sein… In welchem Grauton man sich befindet, hängt davon ab, in welchem Land man lebt und in welchem Segment man tätig ist. Eine Sache ist jedoch ganz sicher, es wird nicht mehr das Geschäft sein, wie wir es kennen…

Quelle, Bild: FIBO